Die Schneiderin der Träume

DramaFSK099 Min.

Eine zutiefst anrührende Geschichte über soziale Klassenunterschiede, Schranken und Tabus erzählt in poetischen Bildern.

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Regie Rohena Gera
Besetzung Tillotama Shome, Vivek Gomber, Geetanjali Kulkarni, Rahul Vohra, Divya Seth Shah
Länge 99 Minuten
Land / Jahr Indien, Frankreich 2018

Über „Die Schneiderin der Träume“

Ratna ist keine Schneiderin. Ratna ist eine junge Witwe vom Land, die nach Mumbai gekommen ist, um dort als Hausmädchen zu arbeiten. Und ihr Traum ist, Modedesignerin zu werden. Der Titel, den der deutsche Verleih dem Spielfilmdebüt von Rohena Gera verpasst hat, ist also ein wenig irreführend. Er eröffnet einen Assoziationsraum, der Fashion-Glamour, ­Erfolgsstory und eine erbauliche Fabel weiblicher Selbstermächtigung nahelegt, nicht jedoch das, was in diesem Film dann tatsächlich passiert. Weitaus besser trifft es wenig verwunderlich der Originaltitel, der schlicht „Sir” lautet und einen männlichen Adressaten ins Spiel bringt sowie ein Machtgefälle. Mit dem respektvollen „Sir” spricht Ratna jenen jungen Mann an, in dessen Diensten sie steht, Ashwin. Ashwins Familie gehört der indischen Oberschicht an; der Vater ist Bauunternehmer, der Sohn wurde in New York ausgebildet, wo er sich unter anderem als Schriftsteller versucht und von wo er ein paar moderne Ideen hinsichtlich Lebensführung und Geschlechterverhältnis mitgebracht hat. Weswegen Ashwin zu Beginn des Films auch seine Hochzeit hat platzen lassen mit einer Frau, die er zwar schätzt, aber nicht liebt. Seine Zukünftige habe ­etwas ­Besseres verdient als lauwarme Zu­neigung, so seine Begründung. Auch ­Ashwin ist also des Träumens fähig, und als ihn ­Ratna ­eines Tages fragt, ob sie neben ihrer Arbeit im Haushalt das Schneiderhandwerk erlernen dürfe, lässt er sie nicht nur gewähren, er kauft ihr sogar eine Nähmaschine. Ja, und dann kommt es eben, wie es kommen muss – aber im vorliegenden Fall nicht darf. Ratna und Ashwin verlieben sich in­einander. Ein totales Tabu und ein Riesenproblem und ein Ding der Unmöglichkeit. Hier aber überraschenderweise nicht Anlass für eine eskapistische Schmonzette à la Bollywood. Rohena Gera gelingt, was, wie der Gegenstand ihres Films, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist: ein ehrlicher Liebesfilm aus Indien. An dem vor allem die Perspektive überzeugt, aus der heraus sie die vielfach missbrauchte Emotion in den Blick nimmt. Diese allmähliche Verschiebung der gegenseitigen Wahrnehmung, in der zugleich das Verbotene und daher eigentlich Unmögliche einer solchen Wahrnehmungsverschiebung sichtbar wird, wird von Tillotama Shome und Vivek Gomber in den Rollen von Ratna und Ashwin nuanciert und empathisch zum Ausdruck gebracht. Im Schmerz der Figuren über die Zwangslage, in der sie sich schließlich wiederfinden, ­spiegelt sich Geras Kritik an einer in feuda­listischen Mustern verharrenden Gesellschaft.

Quelle: epd-Film

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